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Rätsel der Schönheit
Wilhelm Trapp
Die
Sehnsucht des modernen Menschen nach einem perfekten Körper können
weder Psychologen noch Philosophen erklären.
Der Bauch des Mannes als erogene Zone? Früher
galt eher das Gegenteil. Schwillt doch der Bauch nach dem Essen an
und wird auf Dauer fett - ein Indiz leiblichen Genusses schlechthin.
Doch mit dem Genuss ist es jetzt vorbei. Die Körpermitte wird zum
Waschbrettbauch, geprägt von Muskeln, die normale körperliche Arbeit
kaum hervorbringt.
Diese Muskeln, Zeugen purer Disziplin, sagen:
Ich fresse nicht, ich arbeite. Der schöne Körper ist zum neuen
Leitbild geworden. Prächtige Leiber entstehen mittels Medizin und
Chemie, im Gefolge kommt ein neuer Irrationalismus zum Vorschein:
Die körperliche Schönheit wird der Gegenstand von Heils- und
Glückserwartungen. Aus dieser Mischung von Hightech und Esoterik ist
die Botschaft der Schönheitsindustrie: "Schönheit ist machbares
Glück."
Die Werbung nutzt Schönheit als Mittel und
Verheißung zugleich: Beauty
sells. Der Konsument soll seinen Körper mit den Signalen
von Jugend und Leistung aufpeppen: Schönheit nicht als Oberfläche,
sondern als überaus wirkungsvolles soziales Zeichen. Die Botschaft
kommt an. 1998 wurden in Deutschland 17,7 Milliarden Mark allein für
Kosmetik und Körperpflege ausgegeben.
Die Beauty-Tipps der Brigitte haben in
Lifestyle-Gazetten wie Man’s
Health eine neue Dimension erreicht: Pflege und Training
des Body sind zum
Selbstzweck geworden, perfekt eingebettet in die Werte der
neoliberalen Wirtschaft. Die Zeitschrift
Allegra feiert den
fitten Körper als "Bioaktie in der Gewinnzone". Schönheit ist
synonym mit Fitness und Erfolg. Der Markt erhebt sein
Funktionsprinzip, die Leistung, zum Ziel selbst. Die umfassende
ökonomische Eroberung des Körpers ist im Gang.
Bleibt uns wirklich keine andere Wahl, als immer
schöner und schöner zu werden? Das ganz große Glück kann die
Schönheit jedenfalls nicht sein. Allzu Unterschiedliches wurde schon
schön genannt: Güte und Gottesliebe ebenso wie verschiedenste
Körperideale zwischen Reifrock und androgynem Business-Suite.
"Schön" ist nur die Leerformel für das Begehrte.
Die konkreten Inhalte wechseln, sind abhängig
vom kulturellen und individuellen Wunschbild. Aber die Wünsche
schießen gern über die Realität hinaus - man begehrt immer, was man
gerade nicht hat. Deswegen befriedigt die Schönheit nie vollkommen,
deswegen liegen Verheißungen und Enttäuschung im Schönen so nahe
beieinander.
Mit der Unersättlichkeit des Begehrens
kalkuliert die Werbung allerdings ziemlich genau: Was verheißt sie
denn anderes als das gewisse Etwas, das weit über das reine Produkt
hinaus die Erfüllung bringt? Schönheit liegt genau in der
Schnittmenge zwischen kultureller Erwartung und gegebener Natur.
Deshalb war es für Moral und Ethik stets ein Dilemma, dass man der
Natur ja auf die Sprünge helfen kann. Denn eine kunstreich
verbesserte Schönheit macht letztlich die Unterscheidung von
natürlichen und künstlichen Reizen unmöglich.
Die Marketingexperten der Kosmetikindustrie
haben dieses ästhetische Problem gelöst, indem sie ihre
Schönheitszutaten als "natürlich" verklären: Ohne den Begriff kommt
kein Hautcreme-Slogan mehr aus. Ein verräterisches Beharren auf
Natur. Es soll echte, reine, gesunde Schönheit garantieren - und
verschleiern, worum es eigentlich geht: Um ein hoch kultiviertes
Geschäft mit der menschlichen Sehnsucht.
Die pauschale
Naturalisierung des Schönen kann sich auf ein starkes Fundament
berufen. Die Leitwissenschaften Biologie und Soziobiologie scheinen
zu bestätigen, dass Schönheit nicht so sehr kulturabhängig ist,
sondern auf primäre Lebensfunktionen zurückgeht: Schönheit ist
Zeichen für Gesundheit und dient der Fortpflanzung der egoistischen
Gene - ein inzwischen populärer Gemeinplatz. Nach dieser Logik
gehören auch Verschönerungstechniken letztlich zum evolutionären
Plan der Natur.
Aber der Zusammenhang von Schönheit und
Gesundheit ist mehr als fragwürdig. Müsste dann nicht im
Umkehrschluss das durchschnittlich aussehende Gros der Bevölkerung
krankheitsanfälliger sein? Auch vom Fortpflanzungserfolg kann man
die Schönheit nur mit groben Vereinfachungen ableiten. Der
erhebliche Wandel von Schönheitsidealen etwa wird hier völlig
ignoriert.
So widerspricht es jeder biologischen Erklärung,
dass momentan der populärste aller Schönheitsmythen geschleift wird.
Das "schöne Geschlecht" ist nicht mehr so eindeutig weiblich, wie es
lange Zeit war - auch Männer sollen heute schön sein. In der Werbung
wird der herbe Abenteurer vom jugendlichen Beau verdrängt, der statt
behaarter Unterarme den trainierten Oberkörper zeigt. Der Wandel ist
zweischneidig: einerseits forciert die Werbung alte
Geschlechterstereotypen, andererseits wird nun auch der Mann dem
kommerziellen Schönheitsdiktat unterworfen.
Solche kulturelle Veränderungen bringen die
Naturwissenschaften in Erklärungsnot. Die Biologie macht die
triebhafte Seite des Schönen stark - jene Seite, die von der
philosophischen Ästhetik stets beargwöhnt wurde - und lässt
umgekehrt die kulturellen Aspekte unter den Tisch fallen.
Aber besteht nicht das eigentliche Rätsel der
Schönheit darin, an ein Begehren zu rühren, das den biologischen
Zweck immer überschrei- tet? Einige Sozialwissenschaftler wollten
das Problem lösen, indem sie sich auf die "soziale Macht" der
Schönheit beriefen: Die Schönen würden bevorzugt behandelt. Diese
These propagiert eine brutale Sozialästhetik, die komplexe
zwischenmenschliche Vorgänge naiv mit darwinistischer Logik erklärt.
Immerhin: Ohne Bedenken haben amerikanische Ärzte in den Achtzigern
die sozialen Vorteile, die sich aus der Schönheit ergeben, als Grund
für kosmetische Operationen anerkannt.
Tatsächlich verrät heute eine teuer
gepflegte oder herbeioperierte Schönheit eine soziale Macht - die
des Geldes. In den USA sind schon jetzt die Armen infolge schlechter
Ernährung tendenziell übergewichtiger als Angehörige der
Mittelschicht. Die leisten sich bei Unförmigkeit eben eine
Fettabsaugung oder teure Trainingsstunden. Spätestens hier wird der
Mythos von der Schönheit als Erfolgssymbol eine Selffulfilling
Prophecy: Die Schönen müssen erfolgreich sein, sonst könnten sie
sich ihr Aussehen gar nicht leisten.
Soziobiologische Erklärungen des Schönen
bestätigen ein Ideal, das sich ökonomisch verwerten lässt. Aber die
Werbung mag noch so sehr beteuern, dass sie Natur und Gesundheit
verkauft - sie nutzt das Schöne als das, was es wirklich ist: die
Projektion unserer Wünsche.
Das Material des Schönen nämlich ist nicht das
Fleisch, sondern das Bild. Wer zeigt das deutlicher als das
Supermodel, die pure Existenz aus der Schönheit und für die
Schönheit? Die Schausteller dieses Traums wissen genau, dass sie ein
Fantasma verkaufen. "Glauben Sie vielleicht, dass ich morgens um
sieben schon aussehe wie Claudia Schiffer?", wird Claudia Schiffer
zitiert.
Offiziell warnt man gern vor Schönheitswahn. Der
britische Regierungschef Tony Blair appellierte an die Modewelt,
doch bitte Schönheitsideale jenseits der Untergewichtigkeit zu
propagieren - wegen der ansteigenden Zahl von Bulimieerkrankungen.
Solch Moralismus verschweigt jedoch, dass die Hochglanzbilder nur
das Symptom eines Wertekanons darstellen, der allgemeiner Konsens
ist. Und dass Essstörungen wohl eher eine Reaktion auf diese Werte
denn auf die Bilder sind.
Die Schönheits- Bilder im Kopf wirken weit
raffinierter und sind massentauglicher als das Modelideal. Es
genügen ja die machbaren Verbesserungen, damit das Umfeld
wohlwollend anerkennt: Man tut was für die Figur - Leistungsziel
erreicht. Lustlos muss die alltägliche Schönheitsfron deswegen nicht
sein, sie verträgt sogar ein wenig Kritik recht gut.
Gerade weil Diätköche und Beauty-Ratgeber eine
Art offizieller Norm propagieren, ermöglichen sie auch deren
lustvolle Überschreitung. Dann wird der Schokoriegel zur "kleinen
Sünde", die man in heimlicher Freiheit genießt. So funktionieren die
Schönheitsbilder durch die Distanz, die Bestätigung der Norm wie den
Verstoß gegen sie gleichermaßen ironisiert. Beides macht ja Spaß,
und dazwischen tut der Konsument seine Schuldigkeit.
Moralische Kritik ist also kein Mittel gegen den
Schönheitskult. Dieser treibt ganz von allein Blüten, die seiner
geschäftigen Funktionalisierung entgegenwirken. So kann der
exzessive Wille zur Schönheit sich selbst ad absurdum führen: Da
lässt sich etwa eine junge Österreicherin operativ in ihr Idol, die
Schauspielerin Pamela Anderson, umwandeln; ihren Namen hat sie
bereits angleichen lassen.
Nichts könnte besser veranschaulichen, dass auch
die echte Pamela Anderson eine reproduzierbare Popikone ist, ein
mediales wie chirurgisches Produkt. Ähnlich verhalten sich Männer,
die sich Silikonmuskeln implantieren lassen. Ein künstlicher Muskel
verhindert aber gerade, wovon er Zeugnis zu sein vorgibt:
authentische Körper Erfahrung.
Die neuen Körper sind gerade nicht das, was den
Wünschen zugrunde lag. Vielleicht führt die Erkenntnis dieser
Diskrepanz zu einem Aufstand gegen allzu glatte, marktdefinierte
Schönheitskonzepte. Der Schönheitskult selbst erzeugt seine eigenen
Querschläger. Wie zugkräftig die Industrie die Schönheit auch
vermarktet, ihr wichtigstes Gesetz bleibt: Das Schöne ist immer das
Seltene, Besondere. Wenn jede Frau den perfekten Busen, jeder Mann
seinen Waschbrettbauch hat, dann wird das gewöhnlich sein. Das
Schöne - was wir begehren, weil wir es nicht haben - wird in neuer
Form erscheinen.
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